Kippende Lasten - Kräfte sind nicht zu beherrschen
Kippende
Lasten - Kräfte sind nicht zu beherrschen
Es
ist gegen 6:30 Uhr, der aus Italien kommende LKW war gerade erst auf das
Betriebsgelände gefahren, 2 langjährige und erfahrene Mitarbeiter
des Unternehmens beginnen mit der Entladung des LKW's. Die Ladung besteht
aus 25 Tonnen Granitrohtafeln, jede Tafel hat die Abmessungen von ca. 1,30
x 2,85 m, bei einer Dicke von 3 cm. Gewicht einer Granitrohtafel rund 280
kg. Das Entladen einer solchen Lieferung ist im Unternehmen eigentlich
ein Routinevorgang, in vielen Jahren oftmals und erfolgreich praktiziert.
Doch an diesem Morgen war plötzlich vieles anders.
Für das Abladen und Transportieren dieser großformatigen
Tafeln steht im Unternehmen ein flurgesteuerter Kran und eigens für diese
Transportaufgabe beschaffte Greifer zur Verfügung. Abzusetzen sind
die Tafeln auf dafür vorgesehene sogenannte "A"-Ständer. Nach
dem Absetzen der gerade transportierten Tafeln werden diese von Hand senkrecht
stehend gehalten um den Greifer zu lösen. Anschließend sollte
der Kranhaken mit dem Greifer senkrecht hochgefahren und die Tafel(n) an
den A-Ständer gedrückt werden.
An
diesem Morgen war plötzlich vieles anders
Beim Hochfahren des Greifers verkantete sich dieser an
den Granittafeln, vielleicht stand der Greifer auch nicht senkrecht über
den Tafeln, vielleicht hatte der kranführende Mitarbeiter auch bereits
eine Katz- bzw. Kranfahrt angesteuert, genaues war über diesen Unfallauslösepunkt
später nicht mehr zu erfahren. Der weitere Ablauf ging dann auch sehr
schnell vonstatten, drei der Granitrohtafeln kippten in den Bereich, in
dem sich die beiden Mitarbeiter aufhielten um die Tafeln eigentlich aus
der Senkrechten
an den "A"-Ständer zu drücken. Sie hatten keine Chance, das Kippen
der Tafeln mit ihren Körperkräften aufzuhalten, die Tafeln stürzten
auf die Beiden. Allerdings drückten die Tafeln die beiden Mitarbeiter
nicht vollständig auf den Hallenboden, ihr Kippen wurde von einem
nebenstehenden Stapel Rohtafeln begrenzt, sodaß ein Hohlraum entstand,
in dem sich die beiden Mitarbeiter dann befanden. Der Lärm der umstürzenden
Tafeln und die Hilferufe der Verletzten alarmierten die Kollegen im Betrieb.
Eine Vielzahl kräftiger Hände, Arme und Rücken war nötig,
um die Tafeln sicher wieder aufzurichten. Der mittlerweile hinzugerufene
Notarzt versorgte die beiden Verletzten und überwies sie zur weiteren
medizinischen Versorgung in ein Krankenhaus. Einer hatte noch "Glück"
im Unglück, es waren leichtere Prellungen und Abschürfungen mit
denen er davonkam. Sein Kollege, er trug die Kran-Fernbedienung vor seinem
Bauch, kam nicht so glimpflich davon. In dem Hohlraum unter den Tafeln,
war für die Kran-Fernbedienung kein Platz mehr. Die umgestürzten
Tafeln drückten die Kran-Fernbedienung tief in seinen Unterleib. Lebengefährliche
Verletzungen der inneren Organe waren die Folge und mehrere Operationen
waren nötig, teilweise in Spezialkliniken. Er hat überlebt, doch
sein körperlicher Zustand wird nie wieder wie zuvor sein!
Künftige
Unfallvermeidung
Durch arbeitsorganisatorische Maßnahmen muss sichergestellt
werden, dass das Andrücken der Tafeln nach ihrem Absetzen auf den
dafür vorgesehenen A-Ständer durch jeweils 2 Mitarbeiter von
den Plattenseiten her durchgeführt wird.
In Unterweisungsgesprächen ist den Mitarbeitern
deutlich zu machen, dass der Aufenthalt im Kippbereich der Tafeln eine
hochgradige Gefährdung darstellt, wie dieser Unfall es sehr deutlich
gemacht hat. Auch ohne die Einwirkung des verkanteten Lastaufnahmemittels
sind die genannten Platten schon bei geringfügiger Neigung durch Körperkräfte
nicht mehr sicher zu beherrschen.
Betrachtet man einen kräftigen Mann von 80 kg Körpergewicht,
so sollte sein Tragleistung seinem Körpergewicht entsprechen. Zum
Abstützen einer kippenden Last kann dieser Mann, in Abhängigkeit
von Arm- und Handhaltung zur Last und der Rutschfestigkeit seiner Füße
(Schuhwerk und Bodenbeschaffenheit spielen hierbei eine große Rolle),
für einen relativ kurzen Moment ein Lastgewicht von rd. 65 kg halten.
Die nachstehende Grafik zeigt, basierend auf einer vereinfachten Berechnung,
die notwendigen Haltekräfte einer gekippten Last.
So mag es vielleicht noch angehen, dass eine um 10 Grad
(aus der Senkrechten) geneigte Last von 300 kg gehalten werden kann. Bei
einer größeren Neigung wird dies unmöglich. Die beiden
Verletzten in diesem geschilderten Vorfall hatten bei einem Lastgewicht
von 3 * 280 = 840 kg ab einer Lastneigung von mehr als 10 Grad keine Chance,
dass Umstürzen der drei Platten zu verhindern.